Zwischen blühenden Hügeln, uralter Töpferkunst und dem Duft frisch gepressten Olivenöls im grünen Norden Tunesiens
von Birgit Heinichen
„Tunesien? Was wollt ihr denn dort machen? Das ist doch nur die Insel Djerba, Strand und vielleicht noch ein bisschen Wüste.“ Und vor allem billiger Massentourismus.
Diese Sätze habe ich vor meiner Reise im Mai 2026 mehrfach gehört. Und wenn ich ehrlich bin: Ein wenig dachte ich selbst so. Tunesien war für mich Sonne, Meer und Badeurlaub. Dass das Land viel mehr sein könnte, ahnte ich zwar. Schließlich wurden hier Szenen für Der englische Patient und Star Wars gedreht. Aber wie vielfältig und überraschend Tunesien wirklich ist, wurde mir erst vor Ort bewusst.
Schon die ersten Kilometer im Norden des Landes stellten meine Vorstellungen auf den Kopf. Statt trockener Einöde erwartete mich eine Landschaft, die mich verblüffend an eine Mischung aus Toskana und Eifel erinnerte. Sanfte Hügel zogen sich bis zum Horizont, dazwischen endlose Olivenhaine. Die Wiesen leuchteten in den Farben des Frühlings: roter Klatschmohn, blaue Kornblumen und sattes Grün, soweit das Auge reichte. Überall sahen wir Störche, die auf Feldern und Dächern nach Nahrung suchten. Nach den regenreichen Wintermonaten zeigte sich Nordtunesien von einer Seite, die kaum jemand mit dem Land verbindet.

Da wurde mir schnell klar: Die meisten von uns kennen nur ein sehr kleines Stück Tunesien. Das Land hat viele Gesichter. Und eines der spannendsten davon sollte ich an diesem Tag kennenlernen.
Unser erster Halt war Sejnane, ein unscheinbares Dorf im Norden des Landes. Auf den ersten Blick wirkt es wie viele andere Orte in der Region. Doch Sejnane ist berühmt für etwas, das seit Generationen weitergegeben wird: eine einzigartige Töpferkunst, die inzwischen sogar von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde.
Hier wird bis heute gearbeitet wie vor Jahrhunderten. Ohne Töpferscheibe formen die Frauen aus lokalem Ton Schalen, Krüge, Figuren und Tiere. Jedes Stück ist ein Unikat. Nach dem Trocknen werden die Arbeiten im offenen Feuer gebrannt und anschließend mit natürlichen Pigmenten bemalt. Die erdigen Farben und die einfachen geometrischen Muster verleihen den Keramiken ihren ganz besonderen Charakter.
Wir wurden von einer Frauenkooperative herzlich empfangen, tranken gemeinsam Tee und durften selbst kreativ werden. Aus einem Tonklumpen entstanden kleine Figuren und Dekorationen. Dabei wurde schnell deutlich, wie viel Geschick und Erfahrung hinter dieser scheinbar einfachen Handwerkskunst steckt. Besonders angetan hatte es mir eine handgefertigte Keramikkatze, die mich als Katzenliebhaberin sofort anlachte. Sie reist inzwischen als schöne Erinnerung mit mir durch den Alltag.


Nicht weniger faszinierend war eine Begegnung mit einer anderen tunesischen Tradition: dem Olivenöl. Tunesien gehört zu den größten Olivenölproduzenten der Welt. Im grünen Nordwesten wachsen die Olivenbäume auf hügeligem Terrain und bringen die Sorte Chétoui hervor, die für besonders aromatische Öle bekannt ist.
Der Besitzer eines Landgutes, Maher Ben Ismail, ist international anerkannter Olivenölverkoster und führte uns in die Geheimnisse eines hochwertigen Olivenöls ein. Das Öl wird dabei in einem dunklen Glas serviert, damit die Farbe die Wahrnehmung nicht beeinflusst. Nach dem Anwärmen des Glases folgt zunächst die Duftprobe. Frisches Gras, grüne Kräuter, Mandeln und intensive Fruchtaromen steigen in die Nase. Anschließend wird das Öl verkostet. Dabei zieht man etwas Luft durch die Zähne, damit sich die Aromen optimal entfalten können. Das Chétoui-Olivenöl zeigte genau den Charakter, für den es bekannt ist: intensiv, fruchtig, leicht bitter und mit einer angenehmen pfeffrigen Schärfe im Abgang.
Während wir dort saßen und über die silbrig-grünen Olivenhaine blickten, wurde mir bewusst, wie wenig wir in Mitteleuropa eigentlich über Tunesien wissen. Von hier oben sah nichts nach Massentourismus aus. Stattdessen begegnete uns ein authentisches, gastfreundliches Land voller Traditionen und Genuss.


Den Abschluss dieses wunderbaren Tages bildete die antike Stadt Dougga, eine der besterhaltenen römischen Siedlungen Nordafrikas. Anders als viele berühmte Ausgrabungsstätten wirkt Dougga erstaunlich ursprünglich. Zwischen Wiesen und Feldern liegen Tempel, Theater, Wohnhäuser und öffentliche Plätze, eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft auf rund 500 Metern Höhe. Überall spürt man: Hier gibt es noch viel zu entdecken.
Überall entdeckt man Mauerreste und Fundamente, die von der einstigen Größe dieser Stadt erzählen. Während der Blick über die fruchtbare Landschaft schweift, versteht man schnell, warum diese Region einst als Kornkammer des Römischen Reiches galt. Besonders faszinierend fand ich, dass Dougga trotz seiner Bedeutung nicht überlaufen wirkt. Zwischen Wildblumen und antiken Säulen entsteht das Gefühl, ein verborgenes Stück Geschichte zu entdecken.

Am Abend kehrten wir schließlich in die Medina von Tunis zurück. Unsere Unterkunft war ein prachtvolles Stadtpalais mit kunstvollen Kacheln, geschnitzten Holzarbeiten und wertvollen Antiquitäten. Mitten im UNESCO-geschützten Herzen der Altstadt ließen wir den Tag bei gutem Essen und vielen Gesprächen ausklingen.

Mich hat dieser Teil des Landes vom ersten Moment an begeistert. Doch die grünen Hügel des Nordens waren nur das erste Kapitel. Schon bald sollte sich das Bild vollkommen verändern: Die Farben wurden weniger, die Weite größer und die Stille fast greifbar.
Fortsetzung folgt …
Genau solche Erfahrungen möchte ich auch unseren Gästen ermöglichen.
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